Nadeschda ist 86 Jahre alt. Als ich sie zum ersten Mal sah, bewegte sie sich langsam mit Gehhilfen und beugte sich sehr vorüber. Sie wurde von vielen Jahren und von einem großen Schmerz gebeugt – vor einem halben Jahr verstarb ihr Mann. Die Kinder wurden aufgewachsen und verließen das Haus. Es sind nur die Freundin und Pflegerinnen geblieben, aber Nadeschda vertraute ihnen nicht. Sie litt an Polyarthritis. Ihre Hände hielten Gehhilfen schwer. Nach zwei Schenkelhalsbrüchen waren ihre Beine halbgebogen, ein Bein krümmte zur Seite. Sie konnte sich mit Müh und Not in ihrer Wohnung bewegen. Aber es gab eine Frage, die ihr keine Ruhe ließ – wie kann sie in die Badewanne gehen, d.h. ein- und aussteigen und dann noch bis zum Bett zurückgehen. Reicht ihr Kraft dafür? Nadeschda mag Ordnung und Sauberkeit und auch im Bade schwitzen. Aber jetzt hat sie sich schon innerhalb von einem halben Jahr nicht gewaschen, weil sie niemanden anvertrauen konnte, ihr zu helfen. Sie hatte Angst vor dem Sturz und dem Bruch. Endlich hat ihre Freundin mich zu Nadeschda eingeladen.
Wir sitzen in ihrem Zimmer. Mich sehen ihre hilflosen Augen misstrauisch, aber hoffnungsvoll an. Ich frage sie nach, welche Bewegungen sie tun kann, ob sie früher gut Hitze, Wärme und Dampfbad vertrug, wie es mit ihrem Herzen geht und ob sie Asthma hat. Dann lerne ich die Umgebungssituation kennen, in welchem Zustand der Rollstuhl, die Gehhilfen, die Türöffnung, die Badewanne (Höhe, Breite, Ränder) und der Hocker sind, auf dem sie gewöhnlich saß, wenn sie sich wusch. Dann besprachen Nadeschda und ich die Reihenfolge und die Etappen unserer Handlungen.
«So ist es zuverlässiger, du sagst, dass ich tun muss und hilf mir, wenn etwas schlecht gehen wird. Ich fühle mich sicherer, wenn du daneben bist», – sagte sie.
Gleichzeitig war Nadeschda aufgeregt und fest entschlossen: „Ich muss in die Badewanne jetzt gehen, sonst bin ich zu nichts mehr fähig“. Dann verlief alles ruhig. Sie stieg in die Badewanne relativ schnell und leicht ein und genoss die Wäsche in vollem Maße. Am Ende wurde sie bisschen unruhig, sie dachte, dass sie nicht aussteigen kann. Ich beruhigte sie und erklärte, welche Bewegungen sie tun kann. Der Ausstieg war besser, als ich erwartet hatte. Die Grundlage der Bewegungen ist das Konzept Kinaesthetics, nach dem Bewegungen sicher und angenehm sind und die Vorbeugung von Traumatismus fördern. Dieses Konzept wurde uns von deutschen Trainerinnen und Trainern vermittelt.
Als Nadeschda ihr sauberes Bett erreicht hat, sagt sie erstaunt:
«Sollte es möglich sein? Das heißt, ich bin noch selbstständig! Olga, deine Hinweise brauchte ich so sehr!»
Das wichtigste für sie war die Tatsache, dass jemand neben ihr steht, dass sie nicht allein ist und dass man ihr hilft. „Olga, komm bitte wieder, so fühle ich mich sicherer und geschützter“. Für mich als für die Krankenschwester der „Hauskrankenpflege“ klangen ihre Worte wie Balsam für die Seele. Das alles ist möglich geworden, weil ich dank der Grundlagen Kinaesthetics meine Patienten beobachten und die Bilanz ihrer Bewegungen spüren kann. Ich kann auch die angenehme für Patienten Bewegungsamplitude und Haltung des Gleichgewichtes fühlen. Die Kombination von allen diesen Hinweisen gab Nadeschda das Sicherheitsgefühl in ihrer nicht einfachen Situation.