Tagebucheintrag einer Freiwilligen. Wir und sie

Es gibt Tage, an die man sich noch sein Leben lang erinnern wird. Ich will von dem Tag erzählen, an dem ich das erste Mal als Freiwillige gearbeitet habe. Es war schon vor einigen Jahren, ich habe mich gerade in die Universität eingeschrieben und mich mit Lena angefreundet, die mich immer wieder in neue Abenteuer einzog. So hat sie mir vorgeschlagen, sich mit ihr zusammen als Freiwillige zu engagieren. Alles war schon vereinbart und ausgerechnet an unserem ersten Tag wurde sie krank und so bin ich alleine mit einem Mitarbeiter bei der Obdachlosenhilfe der Caritas in Omsk mitgefahren.

WIR UND SIE

Wir und sie. Sie sind anders als wir, sie sind die Schmutzigen, mit dem ungeordneten Leben. Sie sind die Unsichtbaren der Gesellschaft, doch existieren sie und wir müssen unsere Angst überwinden und lernen hinzuschauen. In ihren Gesichtern zeichnet sich Not ab. Ihre kalten Hände werden von den langen Ärmeln der dicken, alten Strickpullis versteckt.  Ihre Gesichter sind dreckig, von Bartstoppeln bedeckt, die blassen, aufgeplatzten Lippen sind fest aufeinander gepresst. Ungeordnet stehen sie Schlange vor den Türen des Caritasbullis. Diese dünne Tür ist im Moment das Einzige, was unsere ruhige, friedvolle Welt von der Unvorhersehbarkeit und dem Chaos der Außenwelt trennt, die sie mit sich bringen. Mein erster Wunsch – davonlaufen. Ich habe mich schon nicht mehr gefragt, oh mein Gott, was machst du denn hier? Und es wäre so einfach, meinen Mantel zu nehmen, ihn so schnell wie möglich anzuziehen und sich davonzumachen. Ich kann, ich werde es hier nicht ertragen. Dieser Platz ist nichts für mich!

Doch die Arbeit verdrängt meine Panik. Sie drücken dir die Suppenkelle in die Hand und du gibst ihnen aus dem großen Topf die heiße Suppe auf ihre Teller und aus irgendeinem Grund fängst du an, zu lächeln. Woher dieses Lächeln kommt, kann ich mir nicht erklären, vielleicht ist es der Wunsch zu gefallen. Obwohl, wem sollte ich gefallen wollen? Ich werde auf jeden Fall nicht wieder kommen, nie wieder. Und der Mutter werde ich auch nichts davon erzählen. Sie würde es sowieso nicht verstehen. Sie hat mir von Kindheitsbeinen stets eingeflößt: „Es gibt uns und es gibt sie.” Sogar wenn wir welche von ihnen auf der Straße getroffen haben, nahm sie mich bei der Hand und zog mich von ihnen weg, damit ich sie um Himmels Willen nicht berühre. Es gibt uns und es gibt sie.

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Und dann kommt einer von ihnen zur Suppenausgabe, er ist noch jung, tritt selbstsicher auf, hat aber, warum auch immer, keine Suppenschale dabei. Es stellt sich heraus, das er gekommen ist um nach Bücher zu fragen. Bücher, was für Bücher? Ich weiß von nichts, fragen Sie den Älteren. „Ich selber frage mich, auch er liest?” Der junge Mann, als ob er meine Gedanken gehört hätte, beginnt plötzlich Spalikov und Brodski zu zitieren und fragt mich, ob ich Gedichte mag? Gedichte, welche Gedichte?! Achso, natürlich mag ich Gedichte.

Der obdachlose Bücherfreund gibt sich nicht mit der Antwort zufrieden und beginnt, aus dem Gedächtnis zu rezitieren:

„Zum Unglück oder Glück ist die Wahrheit einfach: Niemals kehren sie an frühere Plätze zurück. Selbst wenn das Zuhause vollkommen scheint…”

„Ist das, was wir suchen nicht zu finden, weder für dich noch für mich.”, schließe ich für ihn ab.

Breit lächelt der junge Mann, der sich als Oleg herausstellt. 31 Jahre ist der Bursche alt, er hat einen hohen Bildungsabschluss, war Redakteur einer Zeitung. Jetzt lebt er seit 2 Jahren auf der Straße, er leidet an Schizophrenie. Diese hat ihn aus dem gemütlichen Haus auf die Straße gelockt und so hält er sich seit 2 Jahren auf dem Bahnhofsgelände auf. Nachdem ihn seine Verwandte gefunden haben, gaben sie ihn in Behandlung, doch nach diesem Aufenthalt in der Klinik, flüchtete er wieder auf die Straße. Das liegt in Olegs Natur. Ein Teil seines Fußes ist abgefroren und er vergisst bei der kostenlosen Suppenausgabe der Caritas zu essen, lässt aber seine Wunde behandeln.

Der nächste Klient, der sich an mich mit einer Frage wendet, ist alterslos. Schmutzig, unrasiert, mit violetten und blauen Flecken im Gesicht. Er könnte 50 aber auch 30 Jahre alt sein. Alle Anzeichen, die sein alter verraten würden, verbirgt er geschickt unter einer Schmutzschicht. Er fragt uns, ob wir nicht Männerjacken hätten. Schon weniger eingeschüchtert und verloren, als bei dem jungen Dichter, frage ich den Älteren, ob wir Kleidung dabei haben. Er antwortet, dass wir welche haben. In der Kiste mit der Kleidung finden wir jedoch keine passende Jacke, doch lächelt mich der alterslose Mann an und bedankt sich bei mir. „Keine Ursache”, antworte ich und teile weiter Suppe aus.

Wie viele von ihnen waren hier? Zehn oder zwanzig? „Der Ältere lacht: Heute waren es 60!” Sechzig obdachlose Seelen sind heute gekommen, um aus meinen Händen eine heiße Suppe zu bekommen. Doch was war dieser Tag für mich? Eine Lebensprüfung? Ein missglücktes Abenteuer? Den ganzen Rückweg schweige ich, von Eindrücken angefüllt. Aus dieser Trance weckt mich Olga mit einem Anruf. Die nebenberufliche Bibliothekarin lädt mich zu sich zu einem literarischen Abend ein und die Einladung annehmend, kommt mir plötzlich die Frage in den Sinn, ob sie nicht zufällig Bücher von Spalikov oder Brodski zuhause habe.

„Spalikov nicht, das weiß ich genau, Brodski müsste ich suchen aber warum?”

„Es ist sehr wichtig, wir werden ihn mit einem Bekannten lesen.”

„Oho und mit wem?”

„Du kennst ihn nicht, aber er ist sehr belesen.”

„So so und jetzt bitte ausführlicher.”

„Heute hat der Bursche ganze Gedichte aus dem Gedächtnis aufgesagt.”

„Klasse! Lad ihn auch zu der Party ein.”

„Nein kann ich nicht, er wird wahrscheinlich nicht kommen.”

„Warum nicht, wenn er Poesie mag, ist er doch einer von uns.”, ruft eine entzückte Olga.

Ich lege auf und Olgas Ausruf bringt mich noch mehr ins Grübeln.

 

PS: Ich habe ein ganzen Jahr als Freiwillige mit den Obdachlosen gearbeitet und werde diese Zeit und diese Menschen niemals vergessen!

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