Russische Männer trinken viel, sind gewalttätig und setzen ihre Frauen auf die Straße. Manchmal fliehen die Frauen selbst von Zuhause, oft gibt es aber keinen Ort, an dem sie mit ihren Kindern leben können. Das bedeutet, erst lange auf eine Wohnung zu hoffen, zu warten, dann aber kein neues Zuhause zu finden und häufig kommt es vor, dass sie aus diesem Grund ihre Kinder in Kinderheime abgeben müssen und diese zu Waisen werden. Das Mutter-Kind-Heim St.Sophia in Novosibirsk, bietet diesen Müttern mit ihren Kindern ein Dach über dem Kopf und hilft ihnen, bald wieder auf eigenen Beinen stehen zu können.
„Würden wir hier noch eine Etage errichten, wäre auch sie bald belegt”, erzählt die Leiterin des Mutter-Kind-Heimes St. Sophias der Caritas, Julia Krjukowa, sie ist von Kindern umringt, das eine oder andere greift immer wieder nach ihrer Hand. – „Das Heim kann 20 Familien beherbergen, dass es freie Plätze gibt, kommt so gut wie nie vor.”
Das Hilfsprogramm der Caritas für Mütter in komplizierten Krisensituationen startete 1996. Hier finden Frauen und junge Mädchen, die ihr Zuhause wegen Gewalt und Alkoholmissbrauch verlassen mussten und für sich und ihr Kind keinen sicheren Platz mehr zum Leben finden, weder Verwandte noch Freunde haben, die sie unterstützen, einen Ort, an dem ihnen geholfen wird.
Um mit ihnen gemeinsam einen Ausweg aus einer scheinbar aussichtslosen Lage zu finden, gibt es die Familienzentren in Novosibirsk, Barnaul und Tscheljabinsk, die Mutter-Kind-Heime, in denen die Mütter zunächst Obdach und eine Nahrungsgrundlage erhalten und in denen sie von Sozialarbeitern, Psychologen und Rechtsanwälten begleitet werden.
Eines dieser Zentren, befindet sich neben dem Birkenwäldchen im Kirovsker Stadtteil Novosibirsks. Lena lebt hier schon ein Jahr. Ihr Sohn Nikita ist kaum ein Jahr alt, er bekommt gerade seine ersten Zähne und nimmt in kindlicher Manier alles was er findet in den Mund und kaut daran herum.
„Ich bin hier im Februar, im neunten Monat angekommen, im März ist Nikita geboren. Früher hatte ich eine Arbeit und konnte mir ein Zimmer leisten. Das Geld reichte für die Miete und für das Essen, doch als ich schwanger wurde und mich Nikitas Vater verließ, wurde es schwer.”, erklärt Lena. Eine Entscheidung musste gefällt werden und beim Sozialamt, haben sie mich auf dieses Heim aufmerksam gemacht, in dem auch ältere Kinder mit leben können. Und ich wurde mit offenen Armen empfangen.”
Lena hat drei Kinder: Die Tochter lernt an der Fachschule und lebt dort, ihr 12-jähriger Sohn lebt mit ihr und Nikita in dem Heim. Der Vater der zwei älteren Kinder, mit dem sie 15 Jahre lang verheiratet war, ist Alkoholiker.
„Es war nicht einfach mit ihm zu leben, es gab immer mehr Ausschreitungen. Meine Tochter ging zu ihrer Großmutter, mein Sohn blieb bei mir und seine Psyche litt sehr unter den Umständen”, erzählt Lena traurig, „Nun leide ich mit meinem Sohn. Als er klein war, war er so ein guter, lebensfroher Junge, doch mit den Jahren wurde es immer schwieriger mit ihm. Aber es scheint so, als würde es hier allmählich besser werden.”
Fünfmal versuchte Lena, von ihrem ersten Mann wegzuziehen, doch er fand sie jedes Mal und überredete sie, zu ihm zurückzukehren. „Ich fuhr nach Barabinsk, zu Bekannten und er folgte mir. Eine andere Bleibe hatte ich nicht und so hoffte ich jedes Mal, dieses Mal ändert er sich wirklich, und Anfangs trank er auch nicht, aber nach einiger Zeit fing jedes Mal alles wieder von vorne an.”
Auch Nikitas Vater enttäuschte sie, es stellte sich heraus, dass er verheiratet war und nicht bereit war ihr zu helfen. „Vielleicht bekommt er eines Tages doch ein schlechtes Gewissen und hilft uns, oder ich finde für Nikita einen neuen Vater.”, sagt Lena ruhig, hält Nikita fest, der schon an der Hand laufen kann, aber fällt, sobald sie ihn loslässt, und auf allen Vieren weiterkrabbelt. Die Tatsache, dass Lena und die anderen Mütter in diesem Heim ihre Kinder behalten und versuchen, mit ihnen gemeinsam einen Weg zu finden und sie nicht einfach in ein Kinderheim abgeben, ist eine große Errungenschaft und das Hauptziel des Zentrums.
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Neben Opfern häuslicher Gewalt, sind die „Hauptkunden” des Zentrums, wie sich die Bewohner selbst scherzhaft nennen, vor allem ehemalige Kinder aus Kinderheimen, die wegen der undurchsichtigen Bürokratie oder ihrer Unerfahrenheit keine Wohnung finden, obwohl ihnen diese als Waisenkind, eigentlich vom Staat zugesichert wurde.
Im Mutter-Kind-Heim wird zwischen zwei Wohnsituationen unterschieden. In der ersten Situation, sind die Frauen noch nicht in der Lage zu arbeiten, haben gar kein Grundeinkommen und erhalten umsonst drei Mahlzeiten am Tag und ein kostenfreies Zimmer. In der zweiten Situation befinden sich die Mütter mit den älteren Kindern, die schon arbeiten können, da ihre Kinder in die Schule oder in den Kindergarten gehen. Sie zahlen für ihr Zimmer 3000 Rubel, ca. 48 Euro und kommen selbst für ihr Essen auf. Die Mütter sind dazu verpflichtet, an den verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen, am psychologischen Training und den Kursen für Haushaltsführung.
„Fast alle Mädchen, die ihr Lebelang im Kinderheim gelebt haben, warten seit ihrer Entlassung auf ihr vom Staat gewährleisteten Wohnplatz. In manchen Fällen, wissen sie gar nicht, dass ihnen ein kostenloser Wohnplatz zusteht und wir klären sie über ihre Rechte auf und erklären ihnen, wohin sie gehen müssen und was zu tun ist.”, erklärt die Leiterin des Heimes.
Hinter fast jeder der zwanzig Zimmertüren verbirgt sich eine tragische Geschichte. Da ist zum Beispiel die Waise, die erst mit 30 Jahren die nötigen Dokumente für eine Wohnung besorgte, da sie vorher nicht wusste, dass sie als Waise ein Recht auf einen kostenlosen Wohnplatz hat und dann musste sie vor ihrem Mann und seiner Alkoholabhängigkeit fliehen. Dann ist da die Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine, eine Mutter mit ihren sechs Kindern, die erst in Jakutien, dann in Novosibirsk landete um dort mit ihrer Familie in Frieden zu leben.
„Sie sind von zu Hause geflohen, als der Krieg ausbrauch, sind alle zusammen mit dem Zug aus Simferopol abgefahren, nach drei Stunden Zugfahrt, rief die Schwiegermutter an und erzählte, dass der Bahnhof kurz nach ihrer Abfahrt zerbombt wurde. Ihr Mann blieb dort, gründete eine neue Familie und ließ sie mit sechs Kindern alleine. Wir haben es geschafft, für sie eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, und sie fand einen Job, zuerst als Zimmermädchen in der Nähe des städtischen Flughafens, jetzt als Köchin für 15 000 Rubel im Monat, ca. 242 Euro, für 7 Leute. Sie arbeitet hart und sehr genau, hilft uns wenn irgendetwas ansteht und backt köstlichen Kuchen. Einer ihrer Jungen ist in einem Jugend Kadettenkorps untergebracht, allein für ihn muss sie 9 000 Rubel, 97 Euro im Monat bezahlen.
Neben den Frauen, die in den letzten Jahren ums Überleben kämpfen mussten und ihre ganzen Kräfte verbraucht haben, kommen viele der Mütter vollkommen erschlagen von den negativen Erlebnissen und Schicksalsschlägen, frustriert und psychisch am Ende im Mutter-Kind-Heim an. Bei den einen ist es die Schwierigkeit einen Job zu finden, bei den anderen ist es schon die Angst einfach mit fremden Menschen zu reden. Deshalb ist die Arbeit mit dem Psychologen obligatorisch und eine Bedingung für das Leben im Heim. „Warum wir darauf bestehen?” Wir wollen nicht nur eine Verbesserung der Lebenssituation auf dem Papier, sondern auch im Kopf und im Herzen. Erst sagen sie, dass sie keinen Psychologen brauchen”, sagt Julia, „Mir geht es doch gut, ich habe nur kein Geld”, beschreibt Julia die Reaktionen. „Doch wir versichern ihnen, dass sie erst einmal hingehen sollen und garantieren ihnen, dass sie am Anfang nichts sagen müssen. Es gibt individuelles und Gruppentraining und die Techniken sind ganz verscheiden. Die Arbeit der Psychologen ist hier wirklich sehr gut und erfolgreich.”
„SIE SIND VON ZU HAUSE GEFLOHEN, ALS DER KRIEG AUSBRACHSIND ALLE ZUSAMMEN MIT DEM ZUG AUS SIMFEROPOL ABGEFAHREN, NACH DREI STUNDEN ZUGFAHRT, RIEF DIE SCHWIEGERMUTTER AN UND ERZÄHLTE; DASS DER BAHNHOF KURZ NACH IHRER ABFAHRT ZERBOMBT WURDE. IHR MANN BLIEB DORT, GRÜNDETE EINE NEUE FAMILIE UND LIEß SIE MIT SECHS KINDRN ALLEINE.”
Die russischen Männer schlagen ihre Frauen auffällig viel, stellen die Mitarbeiter des Heimes fest. „Eine Frau, die unter der Gewalt ihres Mannes litt, versuchte sieben Mal ihn zu verlassen. Erst nach dem siebten Mal aber denkt sie wirklich ernsthaft darüber nach ihn für immer zu verlassen, wenn er sie dann nicht töte- Die Menschen sind vollkommen abhängig. Sie verlassen ihre Männer und kehren früher oder später zu ihnen zurück.” erzählt Alessia Aleksejvka. „Ein anderer hat seine Frau mit drei Kindern abgeschoben und kommt jetzt an, dass er seine Kinder vermisse und sie brauche.”
In der Halle des Heimes, macht sich eine magere, verwirrt wirkende Frau für einen Spaziergang bereit. Sie zieht ihrer kleinen Tochter die Strumpfhose an und wird vom Mann zur Eile gedrängt. „Wenn sie sich dazu entschließt, zu ihrem Mann zurückzukehren, können wir sie nicht zurückhalten. Was ist, wenn er wirklich den Willen hat, die Familie wieder zu vereinen, was ist wenn wirklich alles gut wird? Wir wären sehr froh darüber”, sagt Julia, „aber auch die Männer müssten mit den Psychologen arbeiten, doch nehmen sie dieses Angebot nur selten wahr und wenn sie es wirklich nicht wollen, können wir sie nicht zwingen, sondern stoßen nur noch mehr auf Widerstand und Ablehnung.”
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„In diesem Jahr im Mutter-Kind-Heim gab es einen Zustrom von 17-18 jährigen Mädchen, die im Waisenhaus aufgewachsen sind. Eine kam schwanger, die andere, noch nicht 18 Jahre alt, mit einem zweijährigen Kind an der Hand. Sie sind hilflos. Und was ist mit dem Kinderheim? In der Regel haben sie dort nicht gelernt, Verantwortung zu übernehmen, sie können kaum kochen, wissen nicht, wie man ein Kind pflegt, wie man es richtig füttert, was man macht wenn es krank wird und und und. Sie wissen nicht wie sie reagieren sollen, wenn das Kind weint, brechen in Panik aus. Wir sprechen mit ihnen darüber und sie lernen, wie man selbstständig lebt.”, davon ist Julia überzeugt.
Die Pädagogin Alessia Aleksejvka macht mit den Mädchen einen Kochkurs und bringt ihnen bei, wie man eine Suppe und den elementaren Brei zubereitet und nicht einfach nur Nudeln kocht. In der Nähwerkstatt machen sie Souvenirs, die sie später auf einem wohltätigen Markt verkaufen. Von dem Erlös werden dann zum Beispiel Windeln oder andere Pflegeprodukte gekauft. Einige Mädchen baten darum, für ein paar Tage nach Hause zu dürfen, doch nicht alle hielten die Regeln des Heims ein und nutzten die Freiheit um sich kopflos zu vergnügen. Einfach raus zu wollen um die Regeln zu brechen, wird jedoch nicht akzeptiert und nach dem auch nach wiederholten Gesprächen keine Einigung erzielt wurde, wurde darum gebeten, ein anderes Zentrum aufzusuchen.
„Zunächst vereinbaren wir mit den Müttern einen dreimonatigen Vertrag und schauen, ob sie wirklich etwas in ihrem Leben ändern wollen, oder ob sie die Hilfeleistungen einfach nur ausnutzen. Nach diesen drei Monaten, schreibt die Mutter eine Lister ihrer Erfolge, was sich alles schon verändert hat und worauf sie stolz ist. Dann schauen wir gemeinsam mit dem Psychologen, wie es weiter geht und der Vertrag wird verlängert. Wir helfen hier jedem, der bereit ist, die Regeln einzuhalten!”, erklärt Julia.
„OFT HILFT IHNEN EINFACH KEINER, SICH EINE BESSERE ZUKUNFT AUFZUBAUEN. KINDER AUS KRISENFAMILIEN, NEHMEN OFT DAS MIT, WAS SIE IN IHRER KINDHEIT SAHEN, WERDEN AUS VERZWEIFLUNG KRIMINELL, GERATEN IN FALSCHE KREISE, KONSUMIEREN DROGEN, LANDEN IM GEFÄNGNIS.”
Mit der Disziplin unserer Mädels ist es ganz unterschiedlich. Diejenigen, die im Kinderheim aufgewachsen sind, dort oft wegliefen, gehen auch hier Nachts raus, treiben sich rum und verletzen die Regeln. Wir hatten eine junge Frau, die vier Tage nichts von sich hören ließ und ohne Bescheid zugeben, das Heim verließ. Die Auflösung des Vertrages stand im Raum und die Mutter drohte damit, ihr Kind in ein Heim abzugeben. „Uns blieb nichts anderes übrig, als den Vertrag aufzulösen, auch wenn es uns dem Kindes wegen in der Seele weh tat. Man darf sich nicht erpressbar machen.” betont Julia. „Doch ein Glück hat sie sich am nächsten Tag doch dazu entschieden, ihr Kind zu behalten und wir gaben ihr eine zweite Chance, unter der Bedingung, dass sie dazu bereit ist, wirklich an sich zu arbeiten.”
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Die Verpflegung einer Familie kostet im Monat 4 000 Rubel, ca. 65 Euro. Für das gesamte Leben wird insgesamt monatlich 400 000 Rubel, ca. 6 500 Euro ausgegeben. Vor kurzem bekamen wir einen LKW voll Kohl geschenkt, und gemeinsam mit den Müttern haben wir einen Teil konserviert, eingemacht und mit ihnen zusammen den Kohl gelagert, sodass er sich lange hält. Auch haben wir einmal Säckeweise Melonenkürbisse bekommen, auch die haben wir konserviert. Auf diese Art von Hilfe sind wir angewiesen. Denn was wäre, wenn wir diese Mittel nicht hätten? Die eingeschüchterte, magere Mutter würde nie Selbstbewusstsein lernen, schnell Opfer von Stärkeren werden, in die Kriminalität abrutschen. Auch das Kind wird nicht lernen, wie es anders geht und es schwer haben, nicht selbst in diesen Kreislauf zu geraten. „Ohne Hilfe sind diese Menschen gefährdet und ihre Kinder genauso, sie werden von dem geprägt, was sie in ihrer Kindheit gesehen haben, da liegt der Schlüssel und wir können diesen Teufelskreis durchbrechen.”, erklärt Julia.
Wenn die Frauen gelernt haben, sowohl auf materieller-, als auch auf psychischer Ebene, auf eigenen Beinen zu stehen, verlassen sie das Heim, um einer neuen Mutter Platz zu machen.
„Wir wollen in der Nähe bleiben.” plant Lena, die Mutter von Nikita, „früher dachte ich immer, dass es unmöglich sei, dass uns jemand einfach so ohne Wenn und Aber hilft. Wenn ich anderen von der Caritas erzähle, höre ich oft Sätze wie „Das kann doch nicht sein! Wieso sollten sie uns armen Schluckern einfach so helfen?” Aber was soll ich sagen, ich habe es erfahren, ich lebe! Man muss immer einen Ausweg finden, selbst in einem geschlossenen Zimmer gibt es noch den Türspalt, durch den man sich zwängen kann.”
Sie können das Projekt und damit die Mütter, die versuchen, aus dem Teufelskreis der Armut und Gewalt auszubrechen, jetzt auf dieser Seite unterstützen. Wir brauchen immer Hilfe!
Margarita Loginowa
http://tayga.info/133073


