Majonäse

Aufzeichnungen eines Sozialarbeiters

Sozialarbeiter sind im ständigen Kontakt mit Menschen, die sich in Krisensituationen befinden, die physisch oder psychisch krank sind, Probleme mit Drogen haben, Opfer von Gewalt sind oder vom Tod ihnen nahestehenden Menschen betroffen und erschüttert sind usw. Dabei werden auch sie und ihre Psyche auf die Probe gestellt.

Um sich zu schützen, hören sie mit der Zeit damit auf, zu stark in komplizierte Situationen einzudringen, bemühen sich, emotional Abstand zu nehmen.

Doch in der Sozialen Arbeit ist die Fachkraft ein Mensch, von dem es abhängt, ob der bedürftige Mensch die notwendige Hilfe und Unterstützung, die er benötigt, erhält und ihm damit geholfen wird.

                                              MAJONÄSE                                    

Nina Matvejevna arbeitete ca. ein Jahr als Buchhalterin im Sozialen Schutz, arbeitete nur mit Zahlen, war nicht mit ihren Kolleginnen befreundet und drang nicht tiefer in die Arbeit ein. In die Diskussion über die soziale Kranken- und Pflegeversorgung für Familien aus der Risikogruppe, ist sie nur zufällig geraten.

Im Raum herrschte großer Lärm, und die Sozialarbeiter tauschten ihre Eindrücke, die sie in den Familien gemacht habe untereinander aus.

 „Stell dir vor, ich war bei den Ivanows und der Vater lag betrunken in der Tür, so dass man über ihn drüber klettern musste.  Ich glaube, jetzt kann man ihn an den Füßen packen! Hahahah“

 „Und wir waren heute mit dem Inspektor bei Petrows, da kam ein freilaufender Hund auf uns zu. Ich hatte Angst und dachte er würde uns angreifen. Obwohl, bei mir ist ja der Inspektor, ob er wohl eine Waffe hat? Aha da ist ja eine Waffe, bzw. ist es keine Waffe, sondern eine Pfeife gewesen. Er pfiff und ich lief zur Seite, der Hund immer noch auf uns zu. Ein Glück hat ihn sein Besitzer entdeckt und an die Leine genommen.“

 „Und wir waren bei den Sidorows, bei der kinderreichen Mutter, die direkt hinter der Brücke lebt. Als wir eintraten kam uns wie gewöhnlich der abgestandene Geruch entgegen. Das Älteste Kind ist gerade von der Schule wiedergekommen und wir fragten sie, was es heute zum Mittagessen gäbe. „Majonäse!“ Können Sie sich das vorstellen, jetzt müssen wir handeln.

„Entschuldigen Sie“, unterbrach sie unerwartet Nina Matvejevna, aber was bedeutet das Majonäse, gab es denn sonst nichts?

„Natürlich nicht!“

„Wie?“

„Genau so“

„Und ich zum Beispiel mag keine Majonäse“

„So wärst du dort ohne Mittagessen gewesen.“

 

Die Sozialarbeiter haben einträchtig angefangen zu Lachen. Doch die pedantische Buchhalterin mit dem 20 jährigen Dienstalter Nina Matvejevna wurde auf einmal sehr nachdenklich. Sie hatte ein kleines, schutzloses Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen vor ihren Augen, bei der es zu Hause nichts zu essen gibt. Es war so bitter und so kläglich, dass sie am Liebsten geweint hätte. Sie war voller Mitleid für das Kind unter der Brücke, dass sie plötzlich selber dorthin fahren wollte, um zu helfen. Vielleicht hat sie diesen Wunsch das erste Mal in ihrem Leben gespürt….

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