Galina Ilnitschna Krankenschwester im Hauskrankenpflegeprojekt der St. Petersburger Caritas, führt die Menschen wortwörtlich aus der Dunkelheit heraus. Den Einen stellt sie nach einem Hüftbruch, der infolge eines Herzinfarktes erfolgte auf die Beine, dann fährt sie an das andere Ende der Stadt und zeigt in den Familien, wie sie ihre Angehörigen bis zur letzten Stunde richtig pflegen.
„Ein Mensch ist kein Baumstamm”
Wir treffen uns mit Galina bei der Metrostation „Pionirskaja”. In der Hand hält die 59-jährige Krankenschwester zwei große Pakete mit Windeln und Überzieher für Schuhe.
Wir fahren gemeinsam mit dem Bus zur Caritas. Die Abteilung der Hauskrankenpflege befindet sich in dem „Hartmut Kania Haus”, welches nach dem der Gründer der Caritas St. Petersburg benannt ist. Auf dem Weg betont Galina Ilnitschna mehrmals, dass die Caritas jedem hilf, unabhängig von Glauben und Herkunft.
Auf ihrem Schreibtisch liegt ein DIN-A4 Blatt mit den Kontakten und Adressen der Patienten: Gegen Abend wird sie an das andere Ende der Stadt zu einem Mann mit multipler Sklerose fahren. Auf dem Tisch liegen außerdem eine Broschüre mit Informationen zu Symptomen eines Herzinfarktes, ein Journal über des Schlaganfall Service Center und ein selbstgemachtes Bild aus Wolle. Letzteres ist ein Geschenk einer Patientin. Eine ältere Frau mit Demenz. Galina Ilnitschna rät ihren Patienten, sich eine Beschäftigung zu suchen, zu malen, zu basteln, Gedichte zu schreiben. Oft widmen die Patienten ihre Werke der Krankenschwester oder schenken ihr sie.
Galina Ilnitschna kommt gebürtig aus Kirow, einer Stadt 900 km östlich von Moskau entfernt. Sie hat auf der medizinischen Schule die Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen, und widmet diesem Beruf ihr ganzes Leben. In den 80er Jahren kam sie nach St. Petersburg und arbeitete Anfangs in einem Krankenhaus. Im Jahr 2005 traf sie durch eine Freundin, die mit einem behinderten Kind von ihrem Mann sitzen gelassen wurde und dort Hilfe fand, zufällig auf die Arbeit der Caritas. Galina erinnert sich noch gut daran, wie sie sich in die Broschüren der Caritas einlas und ihr der Gedanke kam: „Hier wird meine Hilfe benötigt!” Drei Jahre lang hat sie dort als Freiwillige gearbeitet. Sie brachte den Patienten Essen, Windeln und unterstützte sie mit guten Worten.
Im selben Jahr begann das Projekt der Hauskrankenpflege der Caritas. Seit dieser Zeit ist Galinia Ilnitschna ununterbrochen unterwegs: Hier werden Krücken benötigt, dort muss eine Spastik ausgeglichen werden, bei einem anderen eine wundgelegene Stelle behandelt werden. Sie erinnert sich an alle Patienten:
„Ich weinte vor Freude, als ich eine 91-jährige Großmutter nach einem Herzinfakt auf die Füße stellte.” Galina erzählt, als ob sie ein Wiegelied singt: unendlich sanft und voller Zärtlichkeit. „Sie hatte einen Dekubitus, eine wundgelegene Stelle fünften Grades, so lange wurde sie nicht aus dem Bett geholt. In diesem Stadium sah man schon den Knochen. Nach dem zweiten Herzinfakt starb sie. Doch man muss sich auch um die Menschen kümmern, wenn sie sterben.”
In das Zimmer kommt die zweite Krankenschwester Olga. Sie ist an ihrem arbeitsfreien Tag gekommen, um die Rollstühle zu reinigen, damit neue Patienten sie nutzen können. „Ich kenne Krankenschwestern, die nicht wissen, dass es spezielle Techniken gibt, um den Rücken zu entlasten. Einige ekeln sich davor, Windeln zu wechseln, was es nicht alles gibt! Wir sind aber anders. Für uns ist es das Wichtigste, dass es unseren Patienten gut geht!”
Die Krankenschwester beraten vor allem Angehörige und unterweisen sie in die richtige Pflege. Wenn eine Familie in Not gerät und jemand erkrankt ist, passiert es häufig, dass die Verwandten nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen und nicht selten bekommen sie dadurch Depressionen.
„Sie sind oft vollkommen hilflos, wissen nicht wie es weiter gehen soll.”, setzt Galina Ilnitschna das Gespräch fort, „doch wenn sich zum Beispiel jemand den Hüftknochen gebrochen hat, ist es nicht automatisch das Ende aller Dinge. Wenn eine richtige Therapie angewendet und früh trainiert wird, lernen die Meisten auch nach so einer Verletzung wieder laufen.”
Für die Ausbildung gibt es eine eigene Halle, in der der theoretischer Unterricht für die Patienten stattfindet. Für den praktischen Unterricht gibt es einen eigenen Raum mit moderner Ausrüstung: spezielle Stühle, Nachttöpfe, Sitze fürs Bad, Kissen und Körperpflegeprodukte. In der Mitte steht ein modernes Pflegebett. Galina Ilnitschna zeigt, wie sie einen Patienten mithilfe eines Schiebeblattes umlagern kann. „Sehen sie, so ist es für den Patienten und den Pfleger komfortabel, so dass man ihn nicht wie einen Baumstamm drehen muss.”
Die Patienten helfen sich aber auch gegenseitig, geben gelerntes Wissen weiter, bringen Pflegeprodukte, Wäsche und Mittel zur Rehabilitation, die nicht mehr benötigt werden zur Caritas.
„Manchmal kommt es vor, dass jemand anruft und sagt: „Erinnern Sie sich an uns? Wir sind im Moment in Trauer, unsere Mutter ist gestorben, aber wir haben noch viel Pflegematerial bei uns, welches noch weiterverwendet werden kann, außerdem ist da noch das Pflegebett und die spezielle Matratze.” „Manchmal geht es sogar ohne mich, die Patienten wechseln Telefonnummern und so helfen sie sich gegenseitig.”
Vor einigen Jahren wollte Galina Ilnitschna wieder nach Kirow ziehen, um sich um ihre Mutter, die einen Schlaganfall erlitt, zu kümmern. Dazu kam es jedoch nicht, die Mutter starb.
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Die zweite Hälfte des Tages beginnen wir wieder mit einer Busfahrt. Diesmal in den Slawjanka Bezirk. Wieder hat Galina Ilnitschna Pakete in der Hand.
Die Tür wird von einer jungen Frau namens Julia geöffnet. In dem kleinen Zimmer liegt ihr Mann Sergej Kartschemenk regungslos auf dem Bett. Die Hände auf der Brust, die Kette mit dem kleinen Kreuz verdeckend.
In der Ecke des Zimmers steht eine Ikone und am Spiegel klemmt ein Herz, eine Gratulationskarte für das junge Paar zur Hochzeit. Am Fenster steht der Vertikalisator, eine Steh- und Aufrichthilfe zur Rehabilitation und ein spezieller Stuhl, beides von der Caritas ausgeliehen.
Vor 13 Jahren wurde bei Sergej multiple Sklerose diagnostiziert. Außerdem hat er sich vor 4 Jahren eine schwere Brandwunde zugezogen, durch die die Krankheit begann, sich in schnellem Tempo auszubreiten. Die Beine und die Hände kann er nicht mehr bewegen und er ist am Rollstuhl gefesselt. Julia hat er ein anderthalb Jahre zuvor auf der Bühne kennengelernt, sie ist Schauspielerin, er Regisseur. Fast sofort habe sie geheiratet. „Wir sind einfach Verwandte Seelen, warum und auf was dann warten”, lacht Julia. Ungeachtet der Krankheit gründeten sie das Theater „Offene Türen”.
Galina kniet sich hin und krempelt die Ärmel hoch.
„Sergej, Ihre Beine sind verklemmt richtig?”
Sergej nickt schweigend und sieht auf die Bettdecke.
„Kann ich versuchen, sie zu richten?” Ohne eine Antwort abzuwarten, beginnt sie schon damit, erst das linke, dann das rechte Bein akkurat zu richten und aus der unnatürlichen Stellung zu befreien.
„Julia, schauen Sie, die Spastik ist nicht so stark, wie sie früher einmal war. Es ist ihr gemeinsamer Verdienst.”, nickt sie zufrieden und beginnt die Übungen präzise durchzuführen und jeden einzelnen Schritt zu erklären:
„Keine abrupten Bewegungen, immer mit der Hand unterstützen, hier versuchen Sie es selbst, legen Sie ihre Hand unter meine, nur keine Befangenheit und jetzt die Amplitude, sehr gut.”
Julia bewegt langsam die rechte, dann die linke Schulter.
„Und jetzt eine vollendete Drehung.”, lacht Galina.
Julia lädt uns noch auf einen Tee ein. Mit vielen Emotionen erzählt sie uns von ihrem Zusammenleben mit Sergej:
„Ich hatte vorher nie Kontakt zu einem behinderten Menschen.” Anfangs hat sie ihn jeweils selbst umgesetzt, von der Küche ins Schlafzimmer, vom Schlafzimmer auf die Toilette gebracht, doch dann hatte sie einen Bandscheibenvorfall, hatte Angst davor um fremde Hilfe zu bitten, erhielt jedoch auch keine Unterstützung von ihren Verwandten und Freunden. Aber die Begegnung mit Galina Ilnitschna hat ihr Zusammenleben mit Sergej vollkommen verändert und erleichtert.
„Sie hat uns viel gelehrt. Jetzt kann er sogar mit einer Hand ohne große Hilfe selber essen, für ihn ist es ein riesen Erfolg und sehr wichtig.”
Nun hat Julia sogar wieder für das Theater Zeit. Durch die Hilfsmittel der Caritas kann sie ihren Mann mühelos waschen und umsetzen.
Galina Ilnitschna ist von so einem Paar begeistert: „Wie sie sich einander lieben und um sich kümmern! Wie kann man solchen Menschen nicht helfen?”
„Bis Mittwoch!”, verabschiedet sich Julia.
„Bis zum Treffen” winkt Galina und steigt in den Fahrstuhl.
Die Hauskrankenpflege der Caritas arbeitet in zehn Regionen Russlands. Die Mitarbeiter des Dienstes sind jederzeit einsatzbereit, einen Hausbesuch abzustatten, die Verwandten zu konsultieren, sie in die richtige Pflege einzuweisen, sie zu unterstützen und ihnen mit Pflegeprodukten und Rehabilitationsmitteln zu helfen.
Autor: Natalia Baranowa
Artikel von der Website: https://takiedela.ru/2017/05/karitas-galina/




